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Mit Heidelbeerlikör fing alles an

(Artikel, Fotos von Franziska Hanel, Frankenpost, 21.06.2008)

Tradition | In der Sack´schen Destille zu Weißenstadt werden seit 1864 Spirituosen mit Ingredienzien aus dem Fichtelgebirge „gebraut“

Kein Heidel- beerlikör,sondern Ameisenspiritus der echten Art ist es, was Willi Sack hier mit einem Schmunzeln zeigt.
In diesem Haus befinden sich Destille und Museum.
Gerald Kastl schenkt ein Probeschlückchen ein.

 

Steil geht’s die alte Treppe hinauf ins Allerheiligste – wie oft ist sie der Willi Sack schon emporgestiegen?
Die Holzdielen knarren unter den Füßen beim Rundgang durch den Tempel der Erinnerungen, in dem er alles aufgebaut und angeordnet hat, was die vergangenen Zeiten hinterlassen haben.
Sein privates Museum über die Geschichte der Familie Sack, sein kleines Reich über Anfänge und Entwicklung von Drogerie und Destille – penibel hat er mit Erläuterungen beschriftet, was die Altvorderen hinterlassen haben.

Medizinwässerchen nach traditionellen Rezepten

Willi Sack, der ehemalige Drogist, steht heute im 81. Lebensjahr.
Man merkt’s ihm nicht an, so flink, wie er geht, so klar, wie er spricht, so genau, wie er alles weiß.
Sein Lebenswerk hält ihn fit, und die Tatsache, dass er seine Drogerie in Weißenstadt 1989 schließen musste wie zuvor schon die Filialen in Fichtelberg und Bad Berneck, Bischofsgrün und Röslau, Gefrees und Schwarzenbach an der Saale scheint verschmerzt:
„Die großen Drogeriemärkte haben uns Kleinen keine Chance gelassen. Unsere Destille wollte ich ja damals auch aufgeben. Aber da haben viele Weißenstädter protestiert, und ich hab mich umstimmenlassen – Gott sei Dank!“

Auch die alten Geräte funktionieren noch

So kann man heute nach wie vor in der Kirchenlamitzer Straße 12 in Weißenstadt Spirituosen kaufen, hergestellt aus Beeren, Wurzeln, Kräutern und Samen, wie sie im Fichtelgebirge heimisch sind. Aufgesetzt werden sie mit Alkohol und dem sehr weichen und reinen Wasser des uralten Gebirges aus Granit.
„Wir verwenden keine fremdem Essenzen, keine künstlichen Aromen, weder synthetische Farbstoffe noch Geschmacksverstärker“, versichert Schwiegersohn Gerald Kastl, der heute für die Produktion zuständig ist. Kastl, der zuvor mit EDV zu tun hatte, hat sich gut eingearbeitet in die Welt der Destillateure, hat dafür sogar einen Kurs an der Technischen Universität von Berlin belegt. Und so weiß er auch, dass die hauseigenen Liköre nicht unbedingt eiskalt getrunkenwerden sollten.
„Am besten schmecken sie eigentlich bei Zimmertemperatur, weil sie dann ihre Aromen besonders gut entfalten!“
In dem kleinen Raum, in dem sowohl noch funktionsfähige Destilliergeräte aus alten Zeiten wie auch hochmoderne um die Wette blitzen, stehen sie aufgereiht, die hochprozentigen Medizinwässerchen aus Weißenstadt.
Die Fruchtigen wie der Kümmel, der Brombeer und der Heidelbeer.
Die Bitteren wie der Vogelbeer, der Kräuterlikör mit Engelwurz und der Fichtelgold, der aus zweiunddreißig Kräutern zusammengebraut ist, wobei ihm die herzberuhigende Arnika seine goldfarbene Farbe verleiht.
Und drittens die Geistvollen wie der Berggeist, der Wacholder und der Bärwurz. Beim letzteren, eine Besonderheit, werden nicht die Wurzeln, sondern die Früchte verwendet; von Pflanzen, die auf den Wiesen beim Grassemann wachsen – eine Erfindung von Willi Sack höchstpersönlich und die einzige Spirituose, die er in seinem Leben kreiert hat.
Der Fichtelgold, den Willi Sack am liebsten trinkt, ist eine Hinterlassenschaft seines Vaters Christian Sack.
Die Kräuterliköre stammen vom Großvater und der Heidelbeerlikör vom Urgroßvater Carl Sack, der anno 1864 seine ersten Versuche mit der Herstellung von Likören begann, nachdem ihm immer wieder Waldbeeren und Bitterkräuter von den „Beerweibern“, die in den ausgedehnten Wäldern des Fichtelgebirges sammelten, angeboten worden waren. Denn Carl Sack hatte eben 1864 eine „Specerey-Waaren- Handlung“ eröffnet, in der auch Heilkräuter, Sämereien und Gewürze verkauft wurden. Der Likör mit Heidelbeeren, die
ja hierzulande „Schwarzbeern“ genannt werden, war das allererste Produkt der Sack’schen Destille-Dynastie.
Das originale Rezept dafür bewahrt Willi Sack in seinem Museum auf; zusammen mit all den Relikten, die mit der Geschichte von Drogerie und Familie im Zusammenhang stehen.

Interessanter Fundus im privaten Museum

Da finden sich deutsche Drogistenzeitschriften und Rechnungen von jüdischen Lieferanten, Familienbilder und Schulbücher, Uhren, Gesangbücher und Bibeln, Anschreibbüchel und Asbestflocken zum Filtrieren trüber Spirituosen (war bis 1965 erlaubt), Bleichgold, Kalkwasser und Pfefferminzkügelchen, Artikel über radioaktive Erscheinungen im Fichtelgebirge wie in Weißenstadt, Billardkreide und Schwimmseife von 1939, die kompletten Monatsschauen der deutschen Wochenschau von 1934 bis 1940, „der älteste Wein aus unserem Keller, ein Grimmeldinger von 1911“, Zimtblüten und Blutlaugesalz. Und noch vieles, vieles mehr.
Sogar ein alter, hölzener Dynamitschrank mit Schubverriegelung:
„Denn Dynamit wurde früher zentnerweise angekauft und pfundweise verkauft“, erklärt
der Willi und hält mir ein Glas mit einem seltsamen, dunkelbraunen Gewimmel in einer klaren Flüssigkeit unter die Nase: „Haben Sie so was schon mal gesehen? Das ist echter Ameisenspiritus, 150 Jahre alt. Das da drin sind richtige Ameisen, hübsch konserviert !"

Der alte Fritz und ein armer Leineweber

Ein toller Fundus, das Museum über der Destille! Stundenlang könnte man da schauen und immer wieder findet man was Interessantes.
Wie die Zeilen über den Friedrich Sack, der vor 200 Jahren als einer der berühmten „Langen Kerls“ dem Friedrich Wilhelm diente, dem König von Preußen.
Als Dank für treue Dienste bekam er 1798 das Haus in Weißenstadt geschenkt, in dem sein Nachfahre noch heute lebt. Viele Jahre zuvor, im dreißigjährigen Krieg, kam übrigens der Erste namens Sack nach Weißenstadt. Ein armer Leineweber aus der Lichtenfelser Gegend, der von dort ausreißen musste. Weil er Protestant war.

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